Als noch Krieg in Dunkeldeutschland war, gab es mich noch nicht.
Man erklärte mir als Kind, dass ich zu dieser Zeit noch im Ententeich war.
Aufklärung im heutigen Sinn gab es in den 50ern nicht.
Als ich zehn war spielt ich mit anderen Kindern am Kreuz. Mein Vater kam
mit seinem Mofa von der Arbeit, hielt an und schwatzte mit uns. Togrund
Karl kam dazu und schüttelte meinem Vater die Hand und sagte: "Die haben
gerade angerufen, du hast eine Tochter". Mein Vater drehte sich zu mir
um und
meinte, du hast jetzt eine Schwester.
Aha, dachte ich und spielte weiter Fußball.
Bei Togrund war das
einzige Telefon zu dieser Zeit. Für 30 Pfennig konnte jeder dort auch mal
was wichtiges telefonieren. Onkel Anton war irgendwas bei der Feuerwehr
und hatte die Sirene auf dem Dach des Hauses und hatte deshalb früh ein
Telefon erhalten wohl um im Krieg die Sirene rechtzeitig zu bedienen.
Politik war nie ein Thema.
Ja, die Alten sagten schon mal,
wenn ein schreckliches Verbrechen geschehen war und in der Zeitung darüber
berichtet wurde:
'Das
gab es beim Adolf nicht!'
Ob sie damit meinten, dass darüber damals nicht berichtet wurde oder dass
es solche Verbrechen nicht gegeben hat,
ließen sie offen. Auch so ein Ausspruch,
der hin und wieder angebracht wurde:
'Der
handelt wie ein Jud!'
Ob es wirklich in das braune System involvierte Leute im Ompert gab, ist
mir soweit nie bekannt geworden. Aber ich war damals noch ein Kind und
habe nur das mitbekommen,
was für Kinderohren bestimmt war.
Über einen in den 60er Jahren Zugezogenen munkelte man, dass der bei der
SS gewesen sei. Aber der war sowieso ein Miesepeter und hatte zu niemandem
wirklich Kontakt.
Mein Vater
war
zu jung und wurde erst 1944 ein einfacher Soldat.
Mein Opa war Handwerker und wurde als 50 Jähriger noch zur
Küstenartillerie als Obergefreiter eingezogen.
Die Omperter hatten den Krieg, soweit es ihre Häuser und ihr Eigentum
betraf, gut überstanden. In vielen Familien
waren jedoch Opfer zu beklagen.
Sichtbar war dies für mich als Kind nur an den Verletzungen,
die einige ehemalige Soldaten hatten.
Steffens Hans und mein Vater hatten ein Bein, Steffen-Mies einen Arm
verloren.
Ich habe
als Kind meinen Vater ernsthaft gefragt, wieso er auf sein Bein nicht
besser aufpassen konnte. So ein Bein verliert man doch nicht einfach.
Aber das unabänderliche Schicksal wurde sprachlich beschönigend
umschrieben.
Der Soldat fiel oder verlor etwas. Als habe er dies durch Unachtsamkeit
selbst verschuldet,
ohne Fremdeinwirkung oder einen ihn zwingenden Befehl.
Auf den
an
meine Oma adressierten
Briefen stand oft noch als Anschrift:
An die Kriegerwitwe Peter Hommes Viersen Omperter Weg 36 (heute
102).
Als wenn Oma Katharina nur ein Anhängsel eines gefallenen Kriegers
war.
Mein Opa, Peter Hommes, hatte meinen Vater Hans, der 1944 gerade mal 19
Jahre alt war, nach Mönchengladbach zum Zug gebracht. Mein Vater zog in
den Krieg.
Nun ja,
er musste ziehen. Kurz bevor der Zug abfahren sollte, gab es einen
Bombenangriff. Seine Einheit flüchtete in den Bahnhofsbunker.
Mein Opa und Vaters Schwester Anna waren aber bereits mit der Straßenbahn
auf dem Heimweg,
und die Bomben trafen beide.
Mein Großvater Peter Hommes war sofort tot, Vaters Schwester Anna wurde
schwer verletzt.
Mein Vater erhielt noch in Mönchengladbach drei Tage Sonderurlaub zum
Begräbnis seines Vaters. Dann durfte auch er am nicht zu erreichenden
Endsieg mitarbeiten.
Hans ereilte es dann in Frauenburg
-
heute Fromborg in Polen, direkt am Frischen
Haff
-
dort
traf ihn dann im Februar 1945 eine Kugel von hinten durchs Knie.
Die Wehrmacht war in Auflösung,
und auf dem Rückzug mit tausenden Flüchtlingen überquerten sie das in
diesem Winter zugefrorene Frische Haff,
um den sie einkesselnden Russen zu entkommen.
Mein Vater wurde von seinen
Kameraden mitgeschleppt. Sie erreichten ein Frachtschiff,
das
nur Verwundete aufnahm und die Ostsee nach Kopenhagen überquerte.
Nach
acht Tagen erhielt Hans
dort
dann eine erste ärztliche Versorgung. Er wurde zwei Tage später in ein
Hospital nach Viborg in der Mitte Dänemarks verlegt.
Der Wundbrand war jedoch bereits soweit fortgeschritten, das nur noch eine
Amputation möglich war.
Ich kenne nur wenige Sätze,
die mein Vater über seine Kriegszeit sagte. Er sprach nicht über den
Krieg. Und auch als mir meine Mutter, sie war da bereits über 60, erzählte, was sie als junges Mädchen
unter den Russen in
ihrem
Heimatort Klenz in Mecklenburg zu erleiden hatte
und ich sie fragte,
ob sie je mit Vater darüber gesprochen habe, sagte sie nur kurz und
verärgert:
'Wieso
sollte ich ihm das erzählen? Er hat mir auch nie erzählt,
wo und wie er sein Bein verloren hat.'
Bewältigung des Entsetzlichen durch Schweigen.
Einen "Bombenangriff" hat es dann auf das Ompert gegeben.
Also so
ein
richtiger
Angriff war das nicht,
sondern
der
Notabwurf einer Bombe aus einem englischen Aufklärungsflugzeug.
Es war um 1940 und die Engländer flogen Luftaufklärung über dem Rheinland.
Das gefiel Görings Luftwaffe natürlich nicht,
sie schickten Jagdflugzeuge
hoch und versuchten,
den Aufklärer abzuschießen.
Damit dieser leichter und somit schneller wurde,
warf er die mitgeführten Bombe einfach ab.
Wo fiel sie hin? Natürlich in unseren Hühnerstall.
Sie durchschlug
das Dach, verschreckte die Hühner so, dass sie
tagelang
keine Eier legten und verschwand, nur ein kreisrundes Loch im Boden
hinterlassend,
im sandigen Omperter Erdreich.
Explodiert ist die Bombe allerdings nicht. Vermutlich war sie auch nicht
Scharf gestellt abgeworfen worden. 10 bis 20% aller Bomben,
die abgeworfen wurden,
sind nicht explodiert,
und aus irgend welchen Gründen gehörte auch diese dazu.
Das Ompert hatte seinen ersten Blindgänger bereits zu Beginn des Krieges.
Dieser steckte in dem an die
Scheune hinter dem Wegkreuz angebauten Hühnerstall,
der auf der anderen Seite an
ein
Haus
anschloss.
Das Haus gehörte den alten Frauen Greta und Gertrud Nelsen und war nicht
im besten Zustand. Der Fachwerkgiebel war an vielen Stellen morsch und mit
bröckelndem Putz notdürftig repariert.
Die amtlichen Würdenträger kamen sofort angeeilt und betrachteten mit den
dazu gerufenen Fachleuten das Loch im Boden.
Alle waren sich einig, dass sich
am Ende dieses Loches etwas
Gefährliches
im Boden
befand,
aber niemand wusste,
wie die Bombe zu entschärfen
wäre.
Es fehlte die Erfahrung mit Blindgängern. Noch fehlte diese,
und dadurch wurden die Nelsen Frauen ungewollt zu Kriegsgewinnlern.
Man entschloss sich,
eine Entschärfung nicht zu riskieren.
Wir müssen sprengen,
war die Lösungsvorgabe.
Das wäre sicherer. Also wurde alles ausreichend mit Sandsäcken und Stroh
abgesichert und eine kleine Sprengladung gezündet,
die die Bombe zur Detonation brachte.
Leider wurden
dabei der Hühnerstall, ein Schuppen und der Fachwerkgiebel des Hauses
schwer beschädigt. Aber da ließen sich die Braunen nicht lumpen,
und in Windeseile wurde alles auf Kosten der Stadt viel besser wieder
aufgebaut.
Ich weiß nicht,
wie viele Häuser in Viersen durch Bomben zerstört wurden.
Aber ich bin mir fast sicher, dass unser Haus das einzige ist,
das
auf
Kosten
der Stadt sofort und vollständig nach einem Bombenschaden instand gesetzt
wurde.
Westlich des Bebericher Weges,
oben auf der Höhe zu den Noverhöfen hin,
soll dann noch ein englisches Bomberflugzeug 1944 notgelandet sein. Da
dort viel Platz zu Verfügung stand,
war kein Schaden bei Besatzung, Land und Leuten
zu beklagen.
Anfang März 1945 wurde dann auch das Ompert von einer amerikanische
Panzerdivision erobert. Also ganz so spektakulär,
wie sich das anhört,
war es
aber
nicht.
Es wurde mir erzählt, dass einen Tag bevor ein amerikanischer Jeep aus der
Bötzlöh kommend das Ompert durchfuhr
-
was die Vertreibung der Wehrmacht bedeutete
-
noch sechs deutsche Wehrmachtssoldaten aus gleicher Richtung kommend des
Abends im Dewey Hof (heute Siemens) Nachtquartier
genommen hätten.
Sie waren jedoch am
Morgen in aller Frühe wieder aufgebrochen,
so
dass
es
im Ompert zu keinerlei Kampfhandlungen gekommen sein
soll.
Somit war der Krieg fürs Ompert erstmal ohne größere Sachschäden
überstanden.
Es kamen dann einige Flüchtlinge,
zumeist aus dem Osten,
die nicht unbedingt willkommen waren. Wer Platz hatte im Haus,
musste Raum für Flüchtlinge
bereitstellen.
Das war nicht freiwillig und geschah zumeist nur sehr widerwillig.
Solidarisch waren die Omperter nicht
mit
den Kriegsvertriebenen.
Der Krieg hat vieles im Ompert verändert,
auch wenn es auf den ersten Blick nicht so auffiel.
Die, die vorher einen armseligen steinigen Acker besaßen,
verfügten nun über Sand und Kies,
der dringend für den Wiederaufbau benötigt wurde.
Andere erreichten
als Flüchtlinge das Ompert, mieteten freie Wohnungen oder heirateten einen
Omperter wie meine Mutter.
Aber das ist eine weitere gelebte Geschichte,
die ich noch aufschreiben werde.
Wäre schön wenn es noch gute alte Fotos vom Ompert gäbe.
Wer
welche hat, bitte mir schicken. Kontakt