Die Erinnerung bringt mir zurück,
was ich längst verloren geglaubt.
Ich schwelge in meinen Erinnerungen,
träume mich zurück in schöne Zeiten,
finde viele abhanden gekommene Kostbarkeiten.
Und die schlechten Zeiten?
Da habe ich tatsächlich Erinnerungslücken.
von Annegret Kronenberg
Hein
Alle Bauern im Ompert hatten in den 50er und 60er
Jahren des letzten Jahrhunderts noch Kühe und die Milch
wurde von der Viersener Molkerei am Gereonsplatz aufgekauft.
Wir kauften unsere Milch direkt bei unserem Nachbarn Karsch, obwohl das
irgendwann verboten war.
Denn
die Milch sollte immer erst in die Molkerei, um dort keimfrei gemacht zu
werden.
Aber damals störte sich keiner so richtig daran, dass frische Milch ein
Krankheitsüberträger sein kann.
Bevor ich eingeschult wurde, war ich ein staksiges mageres Kerlchen, wie
meine Eltern meinten, und begannen, mich etwas aufzufüttern.
Da ich jeden Abend mit meiner Henkelkanne zu
Tante Christina ging, um einen Liter Milch für die Familie zu holen, wurde
ich dazu verdonnert, einen Viertelliter kuhwarme Milch dort zu trinken, um
etwas Fett auf die Rippen zu bekommen.
Ich kann bestätigen, dass diese Mastkur fürs
ganze Leben hilft.
Erst nachdem ich die große Tasse bis auf den
Grund widerwillig leer geschlürft hatte, bekam ich die Milch in meine
Henkelkanne gefüllt und durfte nach Hause.
So eine Henkelkanne war aber auch ein feines Spielzeug. Wenn die Milch drin
war, konnte ich sie waagerecht rund schleudern, ohne dass Milch herauslief.
Das war noch einfach. Sie aber senkrecht zu schleudern bedurfte schon etwas
Übung, denn geschah dies zu langsam, verließ die Milch unerlaubt die Kanne
und es gab Stress zuhause.
Wenn Oma mir aus der guten Kuhmilch einen heißen Kakao aufschüttete, durfte
er nicht zu lange stehen, denn dann bildete sich eine ekelige Fettschicht,
die ich absolut nicht mochte. Heute passiert das nicht mehr bei der Milch.
Auch wenn sie sich heute ‘Frische Vollmilch‘ nennt, ist sie weder richtig
vollfette Kuhmilch noch wirklich frisch.
Jeden Wochentag um die Mittagszeit kam der
aIte Ingmanns mit seinem von einem Pferd gezogenen Milchwagen das Ompert
hoch. Bei uns konnte er Butter und Quark verkaufen, aber Milch brauchten wir
nicht. Die holten wir direkt beim Bauern.
Er war bei uns am Ende seiner Verkaufsfahrt und gönnte sich gerne noch ein
oder zwei Fläschchen Bier, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte.
Die Kühe wurden abends und morgens gemolken.
Da man damals noch nicht über Kühleinrichtungen verfügte, musste die Milch
schnellstens zur Molkerei geschafft werden.
Dies erledigte jeden Morgen zur gleichen Zeit Hein mit seinem Bulldog, an
den zwei Anhänger angehängt waren.
In Milchkannen abgefüllt hatte die Milch bereits früh am Morgen für die
Abholung durch Hein bereit zu stehen.
So um die 30 Liter fasste eine Milchkanne, und da sie mit ihrem Eigengewicht
einige Kilo wog, mussten alle Bauern ihre Milchkannen vor ihrem Hof auf eine
Bank stellen, die die Höhe von Heins Anhänger hatte. Somit brauchte er nur
nahe an die Bank mit den Milchkannen heranzufahren, um die Kannen über die
Bordwand wuchten zu können. Das ersparte ihm Kraft und ging schneller, da er
nicht immer erst die Kannen hoch hieven und dann zum Einordnen auf den
Anhänger klettern musste.
Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit in Dülken im Ladenbau Linssen.
In den ersten Jahren fuhr er jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit.
Vater war Oberschenkelamputiert aus dem Krieg gekommen und hatte ein Holzbein.
So um 1955 konnte er sich ein Hercules Mofa leisten.
Das machte es viel
einfacher für ihn zur Arbeit zu kommen.
Vater musste früh aufstehen, um um sieben Uhr auf der Arbeit zu sein.
Dafür sorgte der nostalgische Wecker, mit den zwei Glocken oben drauf,
doch meist bevor er losrappelte wollte,
wurde er mit einem schnellen Griff meiner Mutter daran gehindert.
In der wieder entstandenen Stille hörte man dann bereits das stampfende Wummern des Lanz Einzylinders
von Hein.
Hein ließ seinen Bulldog warmlaufen.
Dann wurde das Stampfen des Motors schneller und Hein fuhr von seinem Hof
auf die Straße. Nun beschleunigte der Motor, bis aus dem
Stampfen ein anhaltendes, lautes Ploppern wurde. Hein warf etwas krachend
den nächsten Gang ein, und der Motor verfiel wieder in ein sich erneut
beschleunigendes Stampfen.
Die Anhänger waren nicht die Neuesten und alles war bereits reichlich
ausgeleiert.
Die Ketten, die die Bracken spannten, hingen alle lose, und als Hein an
unserem Haus vorbei donnerte in Richtung Bötzlöh, wurde das laute ploppernde Gestampfe des Motors
vom Klirren der Ketten und Deichseln der durch die Schlaglöcher springenden
noch leeren Anhänger begleitet.
Das Fahrgeräusch entfernte sich langsam, und meine Mutter rüttelte meinen
Vater an der Schulter und rief ihm zu:
“Hans, Hein ist hoch zur Bötzlöh.“
Jetzt war normalerweise der Zeitpunkt des Aufstehens gekommen.
Aber so manches mal blieben die beiden noch etwas im warmen Bett liegen, bis
Hein mit seinem bollernden Bulldog erneut am Haus vorbeifuhr und bei Karsch
stoppte, wobei die bereits geladenen Milchkannen aus der Bötzlöh sich
scheppernd zueinander verschoben.
Hein lud bei Karsch zwei und manchmal, wenn die Kühe einen guten Tag hatten,
drei Milchkannen auf.
Von Hein erneut aus dem Schlaf gerissen, wurde meinen Eltern klar, jetzt
war es höchste Zeit. Mit den Worten: “Hein ist schon zurück“ sprang meine Mutter aus dem Bett und
riss meinem Vater die Bettdecke weg, wobei sie mich dann leider entdeckte.
Ich hatte mich nachts allein in meinem Zimmer gefürchtet und war zum Bett
meines Vaters geschlichen, der mich immer bereitwillig unter seine Decke
ließ.
Aber jetzt hatte meine Mutter keine Zeit mir und meinem Vater die übliche
Standpauke zu halten. Denn es war Eile angesagt, da Hein schon zurück aus
der Bötzlöh war, wie bereits von meiner Mutter mit Entsetzen bemerkt.
Das Ompert war ein echtes Dorf. Alle erwachsenen Nachbarn wurden von uns
Kindern immer mit Onkel und Tante angesprochen.
"Um ein Kind zu erziehen braucht es ein ganzes Dorf"
Genau so war das bei uns im Ompert.
Als ich bereits etwas älter war, durfte ich dann mal die Tour mit Hein
fahren, um zu sehen, wo die Milch hingebracht wurde.
Viele unserer Nachbarn waren Bauern, und es
war für mich als Kind normal, auf deren Hof oder Feld zu sein und mit ihren
Tieren umzugehen.
Auch als Kind konnte man gewisse Arbeiten erbringen, wozu
sonst ein Erwachsener notwendig gewesen wäre.
Wenn zum Beispiel der Mist aufs Feld gefahren
wurde, legte Onkel Hein den kleinsten Gang in seinem Hanomag Traktor ein, stieg
auf den Mistkarren und verteilte den Mist auf dem Feld, während ich durch
Lenken die Richtung beibehielt.
Ich leg dir den Kriechgang ein und du lenkst nur. Hab mich lange immer
gefragt, warum der Trecker einen Kriegsgang hatte. Erst später wurde mir
klar, dass Hein den Trecker übers Feld im kleinsten Gang kriechen ließ.
Nachmittags brachten wir Kinder den Kaffee und die Brote aufs Feld wo meine
Mutter auch oft mitarbeitete. Beim Rüben verziehen oder Kartoffelsammeln.
Auch trieiben wir Kinder oft die Kühe mit von der Weide zum Stall.
Ob einer von uns Knirpsen mit weit ausgebreiteten Armen dort stand oder die
Bauersfrau, das war der Kuh egal. Wir versperrten den Viechern den Weg. Und wir
lernten, welche Tiere wie und wann vor uns Respekt hatten und vor welchen
wir uns in Acht nehmen sollten.
Das gab uns als Kindern auch schon eine gewisse Wichtigkeit und stärkte
unser Selbstbewusstsein.
Wenn bei Beuters auf der Wiese der riesiger Deckbulle mit Nasenring
angekettet war, dann war die Wiese tabu und da wurden dann keine Milkstöp
für die Kaninchen gestochen.
Der Hof von Beuters wurde abgerissen und dort stehen jetzt eine Reihe
Einfamilienhäuser.
Für Hein war es ein Knochenjob. Fahren,
anhalten, laden, verstauen, und wieder auf den Bulldog klettern und weiter
zum nächsten Bauern.
An der Molkerei schließlich gab es ein großes Gedränge von Traktoren mit
Anhängern, die Milch anlieferten, und Milchhändlern, die ihre Ware abholten.
Jeder versuchte, möglichst schnell an die Laderampe zu gelangen.
Als wir dann endlich den begehrten Platz an der Rampe zum Entladen ergattert
hatten, begann Hein, die Milchkannen hintereinander auf ein eisernes
Transportband zu setzen, auf dem die Kannen langsam durch eine große Kurve
in die Molkerei hinein fuhren.
Am Ende des Bandes standen zwei Molkerei
Männer in weißen Kitteln.
Einer notierte die Nummer der Milchkanne, der zweite nahm die Kanne, öffnete
sie und schüttete die Milch in einen viereckigen Bottich.
Er rief eine Zahl, die der erste Mann neben der Kannennummer notierte und
betätigte dann einen Hebel, der die Milch in ein großes Milchbassin
abfließen ließ.
“Die Milch wird gewogen und das Gewicht notiert“, erklärte mir Hein.
Einige male nahm der Einschütter nach Öffnen der Töt eine Flasche, die aussah wie eine Ölkanne und spritzte eine
dunkelblaue Flüssigkeit hinein. Das gab dann ein hübsches Strichmuster auf
der Milch.
Damit konnte er feststellen, ob die Milch nicht bereits sauer war.
Unsere
Milch war jedoch gut, und so lud Hein alle leeren Kannen auf, während ich
durch die Molkerei stromern durfte.
Aus einer Maschine kam eine endlose,
viereckige Wurst von Butter, die sich in einem großen Edelstahlkasten
auftürmte.
Die fertigen Produkte in Flaschen, wie Milch, Kakao und Joghurt, lagerten in
einer Halle. Ich ging mit Hein dorthin und durfte mir davon nehmen, soviel
ich hier trinken konnte.
Mitnehmen durften wir nichts. Es war nur frei, was man sofort konsumierte.
Joghurt hatte ich noch nie probiert.
So was gab es bei uns zu Hause nicht.
Quark und Käse ja, aber Joghurt stand nicht auf dem heimischen Speiseplan.
Also versuchte ich eine Flasche Joghurt.
Er war in einer kleinen Milchflasche mit
einem Stanniolkäppchen.
Über dem Joghurt war eine Schicht Marmelade.
Ich riss den Stannioldeckel ab und versuchte,
den Joghurt aus der Flasche zu trinken. Das Zeug wollte aber einfach nicht raus aus
der Flasche. Die Marmelade verstopfte alles. Hein erkannte, dass ich keine Ahnung vom
Umgang mit dem Joghurt hatte.
Er nahm mir die Flasche ab, hielt seine Hand flach auf die Flaschenöffnung
und schüttelte die Flasche kräftig durch, bis Marmelade und Joghurt eine
trinkbare Konsistenz erhielten.
Nun konnte ich den Fruchtjoghurt trinken.
Begeistert hat er mich nicht.
Hein kramte eine große Holzschüssel mit
Deckel von seinem Anhänger und wir gingen zur Buttermaschine. Dort erhielt
Hein ein langes Stück der sich endlos aus der Maschine quetschenden Butter.
Die Butter wurde großzügig gewogen und die Menge notiert.
Wir verstauten die Butter wieder auf dem Anhänger fuhren die Rücktour.
Ich bin nur zwei oder dreimal mitgefahren.
Es war mir einfach zu früh, um Spaß dabei zu
empfinden. Aber nun wusste ich, was mit unserer Milch geschah, wenn Hein sie
abholte und in der Molkerei ablieferte.
Die Butter brachte ich dann zu Anstöß Anna.
Sie hat eine kleine Menge Salz darüber geschüttet und die Butter mit Hilfe
eines dicken Kochlöffels mit dem Salz verknetet.
So würde sie sich länger halten und mit Salz
würde sie auch besser schmecken, machte sie mir klar.
Hein hieß zwar
Terwyn aber bei uns wurde er immer Fränken Hein genannt. Seine Eltern
hießen bei allen Pap und Mam.
Togrund hieß früher
bei uns immer Goetzkes und heute Windbergs.
Nur bei Karsch, dass
waren immer alle Karsch.
Hans-Peter Hommes
Wäre schön wenn es noch gute alte Fotos vom Ompert gäbe.
Wer
welche hat, bitte mir schicken. Kontakt
Viersen Helenabrunn ummer Ompert Omperter Weg
omperterweg Bötzlöh |

Karneval im Ompert.
Da wurde das Kostüm noch
aus einer alten Übergardine selbst geschneidert.
Als Halstuch nahm meine Mutter ein rotes Taschentuch was mit einer
Streichholzdose im Westernstil gehalten wurde.

Das neuste Hercules Mofa.
Das war für meinen beinamputierten Vater eine echte Erleichterung.
Fuhr er doch mit dem Fahrrad, was an der rechten Pedale ein zusätzliches
verkürzendes Gelenk hatte, jeden Tag bis nach Dülken zur Firma
Ladenbau Linssen, wo er damals arbeitete.

Im Jahr 1961 gab es dann das erste Auto. Ein DKW Junior mit Saxomat, da
mein Vater keine Kupplung benutzen konnte wegen dem Holzbein.
Das Versorgungsamt zahlte den Umbau.


Lanz Bulldog

Vielfach wurde in den 50er noch mit der Hand gemolken.
Da hieß es früh aufstehen, da Hein bereits ab 6 Uhr unterwegs war.

Hanomag R22 |